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Ratgeber · Einarbeitung

Prozessdokumentation: Abläufe so festhalten, dass sie im Alltag genutzt werden

Stand: von Christoph Brinke

Jeder Betrieb hat Abläufe, die funktionieren, solange die üblichen Leute da sind. Fehlt einer, merkt man, wie viel davon nie aufgeschrieben wurde. Prozessdokumentation heißt, diese Abläufe so festzuhalten, dass ein Neuer, eine Vertretung oder du selbst in einem Jahr sie nachvollziehen kann. Auf dieser Seite zeige ich dir, welche Abläufe du zuerst festhältst, wie du in fünf Schritten vorgehst und wie das in Handwerk, Pflege und Großhandel aussieht. Den Zusammenhang mit der Einarbeitung beschreibt der Ratgeber Einarbeitung neuer Mitarbeiter.

Das beschreibt die Prozessdokumentation

Ein Prozess ist ein Ablauf mit einem Auslöser und einem Ergebnis. Ein Kunde ruft an, und am Ende ist die Rechnung bezahlt. Ein Patient wird aufgenommen, und am Ende läuft seine Versorgung. Dazwischen arbeiten mehrere Menschen nacheinander, oft mit verschiedenen Programmen.

Prozessdokumentation beschreibt diesen Weg: welche Schritte es gibt, in welcher Reihenfolge, wer jeden Schritt verantwortet und was dabei entsteht. Sie ist kein Organigramm, das zeigt, wer wem unterstellt ist. Und sie ist kein Handbuch, das alles erklärt. Sie ist die Landkarte, auf der man sieht, wo eine Aufgabe herkommt und wohin sie danach geht. Das macht sie für jeden wertvoll, der nur einen Ausschnitt des Ablaufs kennt, und das sind die meisten Neuen.

Zwei Flughöhen: Ablauf und Arbeitsanweisung

Die Prozessdokumentation schaut von oben auf den ganzen Ablauf. Die Arbeitsanweisung zoomt in einen einzelnen Schritt hinein und beschreibt jeden Handgriff. Beide brauchen sich gegenseitig.

Ein Beispiel aus dem Handwerk: Die Prozessdokumentation sagt, dass der Monteur nach dem Einsatz einen Arbeitsbericht schreibt und das Büro danach abrechnet. Wie der Arbeitsbericht genau geschrieben wird, steht in der Arbeitsanweisung. In der Prozessdokumentation steht an dieser Stelle nur ein Verweis.

Diese Trennung hält beide Dokumente kurz. Ändert sich das Formular für den Arbeitsbericht, änderst du nur die Arbeitsanweisung. Ändert sich, wer abrechnet, änderst du nur die Prozessdokumentation. Steht beides in einem Text, veraltet früher oder später einer der beiden Teile unbemerkt.

Wofür ein Betrieb seine Abläufe aufschreibt

Die Gründe sind im Mittelstand meist sehr praktisch:

  • Einarbeitung: Ein Neuer versteht schneller, warum er etwas tut, wenn er sieht, was vorher und nachher passiert. Der Einarbeitungsplan kann direkt auf den Ablauf verweisen.
  • Vertretung: Im Urlaub oder bei Krankheit übernimmt jemand, der den Ablauf sonst nur von außen kennt.
  • Übergabe: Wenn jemand den Betrieb verlässt oder in Rente geht, bleibt der Ablauf da.
  • Fehlersuche: Wenn immer wieder etwas schiefgeht, zeigt der aufgeschriebene Ablauf, an welcher Stelle.
  • Nachweise: Manche Kunden, Zertifizierungen oder QM-Systeme verlangen beschriebene Abläufe.

Eine allgemeine gesetzliche Pflicht, alle Abläufe zu dokumentieren, gibt es nicht. Einzelne Dokumentationen sind aber vorgeschrieben, etwa die Unterlagen zur Gefährdungsbeurteilung nach § 6 Arbeitsschutzgesetz.

Welche Prozesse du zuerst dokumentierst

Niemand dokumentiert alle Abläufe auf einmal, und das musst du auch nicht. Wähle die ersten zwei oder drei nach diesen Fragen aus:

  • Wie oft läuft der Ablauf? Was jeden Tag passiert, betrifft jeden Neuen.
  • Was kostet ein Fehler? Eine verpasste Frist, eine falsche Rechnung oder ein verärgerter Kunde wiegen schwerer als ein Umweg.
  • Wie viele Leute sind beteiligt? Je mehr Übergaben, desto mehr Stellen, an denen etwas liegen bleibt.
  • Hängt der Ablauf an einer Person? Wenn nur eine Kollegin weiß, wie der Monatsabschluss läuft, ist das der dringendste Kandidat.

Wenn ein Ablauf bei drei dieser Fragen auffällt, steht er oben auf der Liste. Meist ist das der Weg vom ersten Kundenkontakt bis zur Rechnung, weil er durch fast alle Hände geht.

Prozessdokumentation in fünf Schritten

Meine wichtigste Empfehlung vorweg: Schreib den Ablauf auf, wie er heute wirklich läuft, nicht wie er laut altem Handbuch laufen sollte. Ein Soll-Ablauf, den niemand lebt, hilft keinem Neuen.

  1. Anfang und Ende festlegen. Was löst den Ablauf aus, und was ist das Ergebnis?
  2. Beteiligte sammeln. Wer fasst den Vorgang an, in welcher Rolle?
  3. Schritte aufschreiben, am besten im Gespräch mit den Leuten, die sie machen. Jeder Schritt bekommt einen Verantwortlichen und ein Ergebnis.
  4. Übergaben markieren. Wo wechselt die Arbeit von einer Person zur nächsten, und woran merkt die nächste, dass sie dran ist?
  5. Mit einem echten Fall prüfen. Nimm einen Vorgang der letzten Woche und geh ihn am Papier entlang. Wo er abweicht, fehlt etwas.

Schritt 4 ist der wichtigste. An den Übergaben bleiben Vorgänge liegen, weil jeder denkt, der andere sei dran.

Die Form: Text, Tabelle, Swimlane, BPMN

Für die Form gibt es vier gängige Wege, vom einfachen zum aufwendigen:

  • Text mit nummerierten Schritten: schnell geschrieben, gut für kurze Abläufe mit wenigen Beteiligten.
  • Tabelle: Spalten für Schritt, Wer, Ergebnis und Anleitung. Für die meisten Betriebe der beste Start, weil jeder sie lesen und pflegen kann.
  • Swimlane-Diagramm: jede Rolle bekommt eine Bahn, die Schritte wandern zwischen den Bahnen. So werden Übergaben sichtbar.
  • BPMN: Business Process Model and Notation ist eine standardisierte Notation, die die Object Management Group in Version 2.0.2 im Januar 2014 veröffentlicht hat. Sie lohnt sich, wenn Abläufe später in Software abgebildet werden sollen.

Fang mit der Tabelle an. Ein Diagramm kannst du jederzeit daraus zeichnen, umgekehrt ist es mühsamer.

Handwerk: vom Anruf bis zur Rechnung

So sieht die Tabelle für einen Elektrobetrieb aus, gekürzt:

SchrittWerErgebnisAnleitung
Anfrage annehmenBüroAuftrag mit Adresse, Problem, RückrufnummerGesprächsleitfaden Anfrage
Termin planenBüroTermin im Kalender, Monteur informiertArbeitsanweisung Terminplanung
Einsatz durchführenMonteurArbeit erledigt, Fotos gemachtHerstellerunterlagen
Arbeitsbericht schreibenMonteurBericht mit Material und ZeitenArbeitsanweisung Arbeitsbericht
AbrechnenBüroRechnung verschicktArbeitsanweisung Rechnung
Zahlung prüfenBüroZahlung gebucht oder Erinnerung rausArbeitsanweisung Mahnwesen

Die Übergabe zwischen Monteur und Büro steht zweimal in der Tabelle. Dort bleibt leicht ein Bericht liegen, deshalb lohnt sich hier eine klare Regel, bis wann er im Büro sein muss.

Pflegedienst: ein neuer Patient

Im ambulanten Pflegedienst ist die Aufnahme eines neuen Patienten ein Ablauf mit vielen Beteiligten: Pflegedienstleitung, Verwaltung, Pflegekraft, oft Angehörige und Hausarzt. Eine vereinfachte Prozessdokumentation zum Abschreiben:

  1. Erstgespräch führen: Pflegedienstleitung.
  2. Unterlagen anlegen: Verwaltung.
  3. Schlüssel übernehmen und quittieren: Pflegedienstleitung.
  4. Tour anpassen: Tourenplanung.
  5. Erste Pflegekraft einweisen: Pflegedienstleitung.

Der Gewinn liegt darin, dass jede Rolle ihren Teil im Zusammenhang sieht. Die Verwaltung weiß, wann sie dran ist, und die Pflegekraft weiß, welche Informationen sie vor dem ersten Besuch bekommen sollte. Welche Inhalte dabei fachlich vorgeschrieben sind, legt die Pflegedienstleitung fest. Die Prozessdokumentation ersetzt keine Pflegeplanung, sie sorgt nur dafür, dass die Übergaben dazwischen funktionieren.

Großhandel: eine Reklamation bearbeiten

Im Großhandel geht eine Reklamation durch Innendienst, Lager und Buchhaltung. Ein Kunde meldet einen Schaden, der Innendienst legt den Vorgang an und vergibt eine Retourennummer, das Lager nimmt die Ware an und prüft sie, der Innendienst entscheidet über Ersatz oder Gutschrift, die Buchhaltung bucht.

Ohne Dokumentation weiß das Lager oft nicht, dass eine Retoure angekündigt ist, und der Innendienst nicht, dass sie längst angekommen ist. Die Prozessdokumentation legt fest, wer wen informiert und in welchem Programm der Stand steht. Für den Schritt im Lager verweist sie auf die Arbeitsanweisung „Retoure annehmen“. So hat jeder Beteiligte eine Seite für seinen Teil und eine für das Ganze.

Typische Fehler bei der Prozessdokumentation

  • Soll statt Ist. Der Ablauf steht so da, wie er sein sollte. Dann glaubt der Neue dem Papier und wundert sich über den Alltag.
  • Zu fein. Jeder Handgriff steht in der Prozessbeschreibung. Das gehört in Arbeitsanweisungen.
  • Ohne Übergaben. Schritte ohne Verantwortliche verschieben das Problem, statt es zu lösen.
  • Nur der Normalfall. Was passiert, wenn der Kunde nicht zahlt oder die Ware fehlt?
  • Als Projekt einmal geschrieben. Irgendwann stimmt ein Teil nicht mehr, und niemand merkt es.

Der letzte Punkt entscheidet über alles andere. Wie du ihn vermeidest, steht im nächsten Abschnitt.

Aktuell halten: die Prozessdokumentation

Jeder Ablauf bekommt einen Namen, der dafür geradesteht, und das Datum, an dem zuletzt jemand draufgeschaut hat. Ändert sich etwas am Ablauf, ändert diese Person im selben Zug das Dokument. Typische Anlässe sind ein neues Programm, ein neuer Mitarbeiter in einer Rolle oder eine Reklamation, die gezeigt hat, dass ein Schritt fehlt.

Ein guter Prüfanlass ist die Einarbeitung selbst. Wenn ein Neuer den Ablauf liest und dabei Fragen stellt, sind das die Stellen, an denen das Dokument nachgeschärft werden sollte. Wer das konsequent macht, hat nach ein paar Neuen eine Prozessdokumentation, die dem Alltag entspricht.

Wohin mit der Dokumentation

Abläufe, Arbeitsanweisungen und Vorlagen gehören an einen gemeinsamen Ort, an dem jeder sie findet. Was so ein Ort leisten muss, erkläre ich unter Was ist eine Wissensdatenbank. Wenn du mit einer einfachen Übersicht anfangen willst, lies Wissensdatenbank in Excel. Sollen die Unterlagen auf eigenen Rechnern bleiben, findest du Wege unter Lokale Wissensdatenbank. Welche Punkte beim Start eines Neuen dazugehören, zeigt die Onboarding-Checkliste.

Ich baue Betrieben eine KI-Wissensdatenbank, die aus genau solchen Unterlagen antwortet. Jemand fragt „Wer prüft die Retoure, bevor die Gutschrift rausgeht?“ und bekommt die Antwort aus eurer Prozessdokumentation, mit Angabe der Stelle. Steht es dort nicht, sagt sie das. Ob das bei dir passt, besprechen wir im AI-Ready-Check.

Häufige Fragen

Was ist eine Prozessdokumentation?

Eine Prozessdokumentation ist die schriftliche Beschreibung eines Ablaufs im Unternehmen, vom Auslöser bis zum Ergebnis. Sie hält fest, welche Schritte nacheinander passieren, wer für jeden Schritt zuständig ist, wo die Arbeit an eine andere Person übergeben wird und welche Unterlagen oder Programme dabei genutzt werden. Sie kann als Text, Tabelle oder Ablaufdiagramm vorliegen.

Was ist der Unterschied zwischen Prozessdokumentation und Arbeitsanweisung?

Die Prozessdokumentation beschreibt einen ganzen Ablauf mit mehreren Beteiligten, etwa vom Kundenanruf bis zur bezahlten Rechnung. Die Arbeitsanweisung beschreibt eine einzelne Tätigkeit innerhalb dieses Ablaufs Schritt für Schritt, etwa wie der Arbeitsbericht geschrieben wird. Eine gute Prozessdokumentation verweist an den passenden Stellen auf die Arbeitsanweisungen, statt deren Inhalt zu wiederholen.

Ist eine Prozessdokumentation Pflicht?

Eine allgemeine Pflicht, alle Abläufe zu dokumentieren, gibt es nicht. Einzelne Dokumentationen sind aber vorgeschrieben, zum Beispiel muss der Arbeitgeber nach § 6 Arbeitsschutzgesetz Unterlagen über das Ergebnis der Gefährdungsbeurteilung und die festgelegten Maßnahmen haben. Darüber hinaus verlangen oft QM-Systeme, Zertifizierungen oder Kunden beschriebene Abläufe. Das ist ein Hinweis, keine Rechtsberatung.

Mit welchem Programm erstellt man eine Prozessdokumentation?

Für den Anfang reichen ein Textprogramm oder eine Tabelle mit den Spalten Schritt, Wer, Ergebnis und Anleitung. Wer Abläufe grafisch darstellen will, kann Swimlane-Diagramme zeichnen oder die Notation BPMN nutzen, die von der Object Management Group als Standard veröffentlicht ist. Wichtiger als das Programm ist, dass die Prozessdokumentation an einem festen Ort liegt und aktuell bleibt.

Quellen

  1. Arbeitsschutzgesetz, § 6 Dokumentation, abgerufen am
  2. Object Management Group: Business Process Model and Notation (BPMN), Version 2.0.2, Januar 2014, abgerufen am

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